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Und das Findelkind erschien dem Zyklopen, der in Ketten schlief

»Sie scheinen sich bereits aus den Augen zu verlieren. Fast vergessen sind die illustren Nächte in den besetzten Häusern im Kalorienquartier mit ihnen genehmen Kunstfreigeistern und Aktivistinnen, die Exzesse in den Bars, auf Konzertreisen durch die Provinz, in ihrem Bandraum im Dandy-Quartier; lange vergangen scheinen ihr desaströses Experimentieren mit Pillen diversester Prägungen, ihr politisches Vermächtnis an der Schule und als Teil der Gegenbewegung, ihre kleinen Subversionen, ihre Liebeleien und Schwärmereien und die Dornenbüsche, die in deren Wäldern lauerten, ihre mal intellektuellen, mal stupiden, mal gefühlsduseligen, mal zornigen Gesprächsergüsse, ihr zielloses Vagabundieren durch die Wildnis der Großstadt, ihre manische Suche nach Erfahrung als Quelle des Menschseins. Und summa summarum zerrinnt die einst so diamantharte Gewissheit ewiger freundschaftlicher Verbundenheit wie Sand zwischen den Händen der tumultuösen Zeit …«

Das Buch

Cover Und das Findelkind erschien dem Zyklopen, der in Ketten schlief: erstes Buch

Erstes Buch

Das alte Europa ist im Jahr ’41 erodiert: Teilautonome Provinzen sind den Ruinen ethnisch-nationalistischer Kämpfe entstiegen, dem grausamen Wettbewerb um versiegende Lebensräume und Ressourcen. Verriegelte Grenzen, paranoides Sicherheitsdenken, endlose Ströme flüchtender Menschen, Ballungszentren und Konfusion prägen die Landkarte.

Eine namenlose Stadt versinkt derweil im aufrührerischen Chaos einer Revolte gegen den Beschluss der Regierungspartei, dass der sogenannte Zyklop, ein als Schandfleck verrufenes Stadtviertel, mit einem Sicherheitskäfig umzäunt wird.

Inmitten der verkommenen Wirrnis aus Tarnanzügen, Molotowcocktails, einer faschistischen Regierungspartei und ihren Nagelköpfen, Polizeigewalt und Straßenschlachten verirren sich unzählige Lebens- und Konfliktlinien. Etwa eine pyromanische Anarchistin, Evolet, die im Zwiespalt von Sprengstoff und Pazifismus gefangen ist; militante Revoluzzer und visionäre Untergrundkollektive, die sich in alten ideologischen Konflikten verheddern; ein junger Schelm, Arman, dessen Wut auf die Obrigkeiten in subversiven Aktionismus mündet; sein Freund Naim, ein hochintelligenter Irrlichternder, der um einen tragisch verstorbenen Freund trauert, einen Entzug durchmacht und die Härte der Psychiatriegötter zu spüren bekommt; Schmalspurganoven und genialische Hacker, die an ihren eigenen Werken basteln; eine einsame Mutter, Louise, die sich von ihrer Geschichte befreit und in gemeinnütziger Arbeit aufgeht; friedfertige Schrebergärtner und kriminelle Barbesitzer, die ihre kleinen Welten vor der Zerstörung schützen wollen; eine Nymphe, Valeska, die sich von ihren Freunden Arman und Naim distanziert und sich in konsumistischem Hedonismus und Schönheit verliert; der Sozialarbeiter Jacob, der sich die Sorgenberge randständiger Menschen anhört; und schließlich ein abgehalfterter Inspektor, Kujan, der (mordende) Geister jagt.

Dieser episch-experimentelle Roman erzählt in ausfransenden Fragmenten und Episoden von einer Handvoll Menschen, die ihrer ‚Freiheit‘ beraubt und vor existenzielle Fragen gestellt werden. Ihre Geschichten handeln von Perspektivlosigkeit und Sinnsuche, Exzess und Degeneration, Zerstörung und Kreativität, Agonie und Fantasie – und vom Widerstand, der Risse ins Gewebe einer perfiden Realität ritzt.

 

Zweite Auflage 2023

incognita Kollektiv

Copyright © 2022 Marc Ulrich

914 Seiten, fester Einband

Umschlaggestaltung: incognita Kollektiv

Augenskizze Buchrücken: © tigerstrawberry / istock

Druck & Bindung: Bookstation GmbH, Anzing

ISBN 978-3-033-09096-5

Cover Und das Findelkind erschien dem Zyklopen, der in Ketten schlief: zweites Buch

Zweites Buch

Im Herbst ’51 ist der Sicherheitskäfig längst ein Wahrzeichen der namenlosen Stadt. Im Zyklopen hat ein mysteriöses Untergrundkollektiv ein autonomes, solidarisches Netzwerk mit tausenden Menschen und Institutionen gesponnen, das sich selbst versorgt. Zudem florieren Gerüchte, dass ein sagenhaftes Tunnelsystem unter dem Viertel Menschen die Flucht in den Süden ermöglicht.

Als ein Aktivist von einem Polizisten erschossen wird, flammen zum x-ten Male Proteste gegen das faschistische Regime auf, und ebenjene Regierungspartei schickt tausende Polizisten und Militärs ins Viertel, um nicht nur gegen gewaltbereite Gruppen vorzugehen, sondern auch das Netzwerk auszuräuchern.

Die immer heftiger geführten Straßenkämpfe und Gefechte drängen die Menschen im Zyklopen in die Enge. Im Untergrund versuchen Evolet und Arman, das autonome Netzwerk aufrecht zu erhalten, während sie mit den Geistern eigener Gewalttaten ringen; die militanten Gruppierungen sehen derweil die Apokalypse gekommen und rüsten für den ‚finalen Kampf‘ auf; die kriminelle Unterwelt wittert ein großes Geschäft; Naim lebt als Einsiedler in einem Waldverschlag, verliert immer mehr den Kontakt zur Realität und stromert in diffusen, surrealen Episoden durch das zerfallende Viertel; seine Mutter Louise und die gemeinnützige Organisation Archetypus spielen mit dem Gedanken einer Massenflucht mit hunderten geflüchteten Menschen; ihr Bruder Jacob, ein zentraler Drahtzieher im Viertel, versinkt tiefer und tiefer in der Sinnsuche; der Hacker Magpie fürchtet um sein Lebenswerk der illegalen Ausweischips; radikalisierte Jungsozialisten planen nichts Geringeres, als den Sicherheitskäfig zu sprengen; Valeska irrt jenseits der Geschehnisse durch ihren zerstückelten Alltag aus Arbeit im Krankenhaus und Musik im Untergrund; und Inspektor Kujan kommt einem widerlichen faschistischen Mordkomplott auf die Schliche.

Das zweite Buch verfolgt die Geschichten der Charaktere weiter und zeichnet die Skizze einer degenerierten Stadt, in der sich Fakten und Verschwörungen, Träume und Desillusionen, Biografien und Existenzen bis tief ins finstere Herz der modernen Zivilisation verstricken. Eine Stadt aber auch, in der in den Ruinen der Dekadenz zahlreiche kleine Fantasien und Utopien aufschimmern, winzige Perlen und Lichter, die den Weg in alternative menschliche Gemeinschaften weisen (könnten).

Erscheint 2025!

B(r)uchstücke

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    Und das Findelkind erschien dem Zyklopen, der in Ketten schlief

    © Marc Ulrich